Was mit „Ischias“ gemeint ist
Als Ischias bezeichnet man meist Schmerzen, die vom unteren Rücken über das Gesäß ins Bein ausstrahlen, oft bis unter das Knie. Häufige Ursache ist die Reizung einer Nervenwurzel, zum Beispiel durch einen Bandscheibenvorfall. Kribbeln oder Taubheitsgefühle im Bein können dazukommen.
Eine Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift Spine zeigt, wie uneinheitlich der Begriff verwendet wird: Je nach Definition lag die Häufigkeit in den Studien zwischen 1,2 und 43 Prozent. Die Autoren beschreiben Ischias zudem als häufig hartnäckiger und belastender als reine Kreuzschmerzen.
Bandscheibenvorfälle können sich von selbst zurückbilden
Eine systematische Übersicht aus 31 Studien hat untersucht, wie oft sich Bandscheibenvorfälle ohne Operation zurückbilden, gemessen mit wiederholter Bildgebung. Die Rückbildung hing deutlich von der Art des Vorfalls ab:
- abgelöstes Bandscheibengewebe (Sequester): Rückbildung in 96 Prozent
- ausgetretenes Gewebe (Extrusion): 70 Prozent
- Vorwölbung (Protrusion): 41 Prozent
- flache Vorwölbung (Bulging): 13 Prozent
Auffällig: Gerade große, ausgetretene Vorfälle bildeten sich häufiger zurück als kleine Vorwölbungen. Was das für Ihren eigenen Befund bedeutet, besprechen Sie bitte mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Operation oder abwarten?
Eine niederländische Studie im New England Journal of Medicine hat 283 Menschen mit starkem Ischias, der seit 6 bis 12 Wochen bestand, zufällig zwei Wegen zugeteilt: frühe Operation oder zunächst weitere nicht-operative Behandlung mit Operation bei Bedarf. Nach einem Jahr waren die Ergebnisse in beiden Gruppen ähnlich. Die früh Operierten hatten schneller weniger Beinschmerzen. In der abwartenden Gruppe wurden im Laufe des Jahres 39 Prozent doch operiert.
Die Studie zeigt: Ohne Warnzeichen gibt es oft keinen Zeitdruck, und es gibt mehr als einen sinnvollen Weg. Die Entscheidung über eine Operation treffen Sie gemeinsam mit Ihren behandelnden Ärztinnen und Ärzten.
Warnzeichen: Wann Sie sofort ärztliche Hilfe brauchen
Selten steckt hinter Rücken- und Beinschmerzen eine ernste Erkrankung, die schnell behandelt werden muss. Lassen Sie Beschwerden bitte sofort ärztlich oder in der Notaufnahme abklären bei:
- Taubheit im Gesäß-, Genital- oder Analbereich („Reithosen“-Gefühl)
- neuen Problemen beim Wasserlassen oder beim Stuhlgang
- zunehmender Schwäche oder Lähmung in einem oder beiden Beinen
- Fieber, ungewolltem Gewichtsverlust oder einer Krebserkrankung in der Vorgeschichte
- Beschwerden nach einem Sturz oder Unfall
Ein internationales Fachgremium betont in seinem Leitfaden, dass solche Warnzeichen einzeln wenig über die Ursache aussagen. Entscheidend ist die ärztliche Gesamteinschätzung. Deshalb gilt: lieber einmal zu früh abklären lassen.
Quellen
- Konstantinou K, Dunn KM (2008): Sciatica: review of epidemiological studies and prevalence estimates. Spine 33. doi:10.1097/BRS.0b013e318183a4a2
- Chiu CC et al. (2015): The probability of spontaneous regression of lumbar herniated disc: a systematic review. Clinical Rehabilitation 29. doi:10.1177/0269215514540919
- Peul WC et al. (2007): Surgery versus prolonged conservative treatment for sciatica. New England Journal of Medicine 356. doi:10.1056/NEJMoa064039
- Finucane LM et al. (2020): International framework for red flags for potential serious spinal pathologies. Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy 50. doi:10.2519/jospt.2020.9971